Leben auf dem Schiff

Für den einen prima, für den anderen nicht

10 Punkte, die Du über das Leben auf dem Schiff wissen musst!

Ein Leben auf dem Schiff ist traumhaft: man kann Orte besuchen, an die man sonst nie hinkommen würde, ist unabhängig von Hotels und kann vom Schiff aus ins Wasser hüpfen wann immer man will.
Aber nicht immer ist alles nur traumhaft. Im folgenden 10 Punkte, die auch die andere Seite des Lebens auf dem Schiff beleuchten einschliesslich wertvoller Tipps wie man damit besser zurecht kommt.

Die Punkte basieren auf unseren Erfahrungen mehr oder weniger entlang der Barfussroute, nicht auf ein Leben in einer Marina oder etwa Segeln in höheren Breiten ;-).

1. Abenteuer anstatt Alltag

Raus aus dem Alltag, der Tretmühle, in der jeden Tag das gleiche Schema abläuft und alles mehr oder weniger vorhersehbar ist – das heisst gleichzeitig rein ins Abenteuer ! Eine tolle Sache für alle die, die das Abenteuer suchen und mögen.

Aber Achtung: das Leben auf dem Schiff ist nicht (immer) vorhersehbar und planbar – es kann vorkommen, dass Wetter, Technik und vieles mehr einen ganz schön auf Trab halten. Wir mussten erst einmal lernen, dass NICHT WIR den Zeitplan bestimmen, sondern die Umstände.
So hätten wir in den ersten paar Wochen fast in einem Sturm unser Schiff verloren, hatten unseren ersten Brand and Bord und brauchten mehrere Tage, um Motorenüberhitzung zu beheben (siehe Blog “Vom Kanal von Korinth..”).

Mein Tipp:

Ein funktionierendes Schiff und die Vermeidung von Risiken muss immer erste Priorität sein! Plant daher genügend Zeit ein, wartet auf günstige Wetterfenster und lasst Euch nicht (z.B. durch fixe Termine von Besuchern) stressen.

2. Segeln macht Spass – immer?

Gemütliches Spinnakersegeln bei wenig Wind und Welle
Spinnakersegeln bei wenig Wind und Welle, leider ist es nicht immer so gemütlich

Bei 15 bis 20 Knoten mit dem Wind schräg von hinten, der Welle aus der gleichen Richtung ist alles easy 😉 – selbst 25 bis 30 Knoten sind noch ok, solange der Kurs eher achterlich ist und man mit einem kleinen Stückchen Genua entspannt vorwärts geschoben wird.

Zum Glück ist das auf der üblichen Blauwasserroute von Ost nach West immer wieder mal der Fall. Doch ebenfalls kann es sein, dass der Kurs nicht ganz so angenehm ist, eine zweite Welle nicht aus der Richtung des Windes kommt und es dementsprechend unangenehm schüttelt oder dass der Kurs tatsächlich hart am Wind ist. Da sind 15 bis 20 Knoten für einen normalen Fahrtensegler schon mal eine Herausforderung.

Das andere Ende des Liedes natürlich ist kein oder zu wenig Wind. Wenn die Segel und der Grossbaum flappen, weil die Welle das Schiff aus dem wenig Wind gedrückt hat wirft so manch geduldiger Segler dann zur Entlastung der Nerven und des Riggs schon mal den Motor an. Dann brummt dieser, die Ruhe ist weg…

Mein Tipp:

Stellt klare Regeln auf, ab wann gerefft wird für Starkwind und ab wann/ob der Motor angeworfen wird, damit alle an Bord die gleichen Erwartungen haben und unterwegs nicht diskutiert werden muss den Wind können wir nicht ändern, aber wie wir damit umgehen 😉 .

3. Reisen mit dem eigenen Schiff bedeutet Bewegungsfreiheit, oder?

Mit dem Schiff ist man frei, sich zusammen mit dem eigenen Zuhause auf dem Meer zu bewegen und in andere Länder zu reisen (zumindest vor Corona, zur Zeit ist diese Freiheit je nachdem wo man ist, mehr oder weniger eingeschränkt).

Auf der anderen Seite bedeutet das Leben an Bord oft auch ein gewisses “Gefangensein” auf dem Schiff: zum Beispiel wenn man nicht anlanden kann wegen zu grosser Wellen, wenn Tideunterschiede ein Anlanden nicht möglich machen oder zu viel Wind bläst, um mit dem Dinghy sicher an Land und wieder zurück zum Schiff zu kommen. In diesen Zeiten muss man an Bord ausharren bis Wetter oder Wind besser wird oder man weitersegelt…

Das ist einerseits enttäuschend und bringt schon manchmal das persönliche Bedürfnis für körperliche Bewegung an die Grenzen…

Mein Tipp:

Yoga und Gymnastik an Bord geht eigentlich immer und hält in diesen Zeiten Geist und Körper auch ohne Bewegung an Land fit, aber auch Paddelboarden oder Schwimmen ist super!

4. Schön und auch nicht – die Bewegung des Schiffes

Es ist wunderschön in den Schlaf geschaukelt zu werden, jedoch nicht so schön, vor lauter Schütteln fast aus dem Bett zu fallen. Schon manches Mal verzog ich mich mitten in der Nacht mit dem Kopfkissen unter dem Arm verärgert auf unsere “Reisekoje” mitten im Salon, denn dort wackelt es am wenigsten.

Wenn es irgendwie möglich ist, versuchen wir eher die ruhigeren Ankerplätze ausfindig zu machen, am besten geschützt vor Wind und Welle. Wenn dies nicht möglich ist, zumindest vor der Welle… (in West Indonesien stellten wir jedoch fest, dass vor allem Segler, die auch surfen, dies anders sehen. Dort waren wir dem Rat unseres Segelführers gefolgt, der Surfer war und haben ein paar höchst unruhige Nächte verbracht…)

Oft hat man die Auswahl im Griff, aber nicht immer – so manche Nacht vergehen die Stunden nur schleppend bis am Morgen ein besser geschützter Platz gesucht werden kann…

Mein Tipp:

Setzt auf gesunden Menschenverstand, ein Wunder geschieht selten! Wenn eine Bucht gegen Süden offen ist, dann wird ein Schwel aus Süd auch seinen Weg hinein finden… Und wenn der Punkt bekannt ist als guter Surfspot, ist er meistens kein ruhiger Ankerplatz

5. Wärme tut gut – Hitze auch?

Reto sitzt im Motorenraum und schwitzt
Bei Arbeiten im Motorenraum ist das T-Shirt sicher tropfnass

Zumindest auf der Barfussroute ist es fast immer sehr warm und das ist auch gut so, denn deswegen heisst die Route ja so 😉 Manchmal ist es aber auch zu warm…

Wenn ich in der Nacht zum zweiten Mal das durchgeschwitzte Handtuch wechselte, sehnte ich mich schon mal nach den gemässigten Temperaturen in Europa, wo man sich in der Regel zum Schlafen in eine Decke kuscheln kann.

Mein Tipp:

Zum Abkühlen eine Runde Schwimmen oder Schnorcheln. Wenn man am Schiff arbeitet muss es einem einfach egal sein, wenn man schwitzt – abends nach Sonnenuntergang eine Dusche, vorher rentiert es sich nicht 😉

6. Luftfeuchtigkeit ist prima, der Schimmel nicht

Die Ersatzrettungswesten schimmeln, wenn sie nicht regelmässig gebraucht werden.
Die Ersatzrettungswesten schimmeln, wenn sie nicht regelmässig gebraucht werden.

Eine hohe Luftfeuchtigkeit ist für mein Empfinden für die Haut, die Schleimhäute und selbst die Haare eine Wohltat im Vergleich zur trockenen Luft in Mitteleuropa, vor allem im Winter.

Aber eine hohe Luftfeuchtigkeit bedeutet auch schnell mal Schimmel an Bord – Leder, Holz, Kleider, Oberflächen, Gewürze… Alles schimmelt in Windeseile, wenn man keine Aircondition hat. Wir haben fünf Jahre lang “problemlos” ohne Aircondition gelebt, aber der Schimmel musste definitiv andauernd bekämpft werden.

Mein Tipp:

Lasst alles Leder und Holz wenn möglich zu Hause, packt nicht verwendete Kleider in vakuumdichte Plastiksäcke, reinigt Oberflächen mit einem Gemisch aus Essig und Wasser und lüftet die Inhalte von Schränken regelmässig an der Sonne.
Verpackt grössere Mengen an empfindlichen Lebensmitteln wie Nüsse, Schokolade, Kräutertee, Gewürze mit einem Vakuumiergerät in Vakuumfolie.

7. Abwechslungreiches gesundes Essen – manchmal nicht selbstverständlich

Traurige Reste im Gemüseregal im Supermarkt in Majuro, Marschall Inseln
Traurige Reste im Gemüseregal im Supermarkt in Majuro, Marschall Inseln

In Südeuropa und der Karibik und in Asien kein Problem. Frisches Gemüse allerdings ist leider nicht überall im Pazifik einfach zu finden. In den Marquesas und Tuamotus, aber vor allem in Kiribati, den Marshallinseln und in den äusseren Inseln von Mikronesien ist alles was frisch ist knapp.

Nach fast 3 Monaten in Fidschi’s Laugruppe waren wir meist auf Kürbis und Weisskraut reduziert. Gut, dafür gab es frischen Fisch ohne Ende ;-).

Mein Tipp:

Mit der richtigen Lagerung von frischen Lebensmitteln und Gemüse selbst in Gläsern eingekocht haben wir uns über weite Teile des Pazfiks immer gut versorgt.

8. Salzwasser ist “gesund”

Ja, aber nur wenn es rein ist.

Die bisher grössten Gesundheitsprobleme an Bord waren bei uns Ohreninfektionen durch Tauchen oder Schnorcheln und Wundinfektionen durch Salzwasser.

Das liegt daran, dass im warmen Salzwasser sehr viele Keime vorhanden sind, mit denen wir nicht gut klar kommen. Zweimal haben sich Besucher an Bord der SHE SAN eine kleine Verletzung am Schienbein beim Ein- und Aussteigen ins Dinghy zugezogen. Diese infizierte sich innerhalb von wenigen Tagen so, dass eine Blutvergiftung nahe bzw. schon präsent war. Einer unserer Gäste musste sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden (hier der Link zum Blog).

Mein Tipp:

Jegliche Wunden, auch kleine, sofort mit Seifenlösung und Süsswasser sauber spülen, die Wunde vor Salzwasser schützen und bei einer ersten Verschlechterung antibiotische Salbe anwenden.
Meine Erfahrung ist, dass selbst die Antiseptische Salbe in diesem Moment nicht mehr hilft, aber die Wunde mit der Antibiotischen Salbe nach 2 Mal Auftragen in Ruhe abheilt. Wenn man doch wegen eines Notfalls ins Wasser muss, einfach nachher nochmals mit sauberem Wasser und Seife desinfizieren und Salbe auftragen.

9. Was kaputt gehen kann geht kaputt

und das meist früher als später…

Sonne und Salzwasser haben unglaubliche Zerstörungskräfte.

Hierzu besonders erwähnenswert die Reaktion von Salzwasser in Verbindung mit verschiedenen Metallen. Oft haben wir Übergänge von Edelstahl auf Aluminium an Bord. Zusammen mit Salzwasser gibt es an diesen Stellen Elektrolyse, die Teile fressen sich ineinander fest.

Aber selbst die salzige Luft reicht aus: alle Reissverschlüsse (an Rucksäcken oder Kleidern), die nicht regelmässig gebraucht werden, verhocken und sind nicht mehr zu gebrauchen.

Mein Tipp:

Lanolin (Schaffett) in der Form von Nolan oder Lanocote auf Metalle auftragen, damit wird ein Festfressen verhindert.
Reissverschlüsse am besten aus Plastik kaufen, und wenn doch Metall, regelmässig mit Silikonspray einsprühen, wenn nötig zuerst mit WD 40 gängig machen.

10. Langeweile kommt nie auf

Die Liste der To Do’s setzt sich von selbst durch die kaputtgehenden Teile immer wieder von alleine fort…daher empfiehlt sich eine gewisse handwerkliche Geschicklichkeit und den Mut selbst dran zu gehen. Achtung allerdings bei der Elektrik!

Mein Tipp:

Von anderen Seglern oder Fachkräften lernen, andere um Rat fragen.
Wir haben zum Beispiel vor unserer Abreise einen halbtägigen Motorenservice zusammen mit einem Mechaniker gemacht, der uns Schritt für Schritt erklärt hat worum es dabei geht.

Sicher gibt es noch sehr viel mehr Punkte, schreib mir doch bitte deine Erfahrungen in den Kommentar!

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Ratgeber für Aussteigen und ein Leben auf dem Schiff
Ratgeber für Aussteigen und Leben auf dem Schiff

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8 Gedanken zu „Leben auf dem Schiff“

  1. Arbeiten an der Takelage / Welche Seile / Welche Klampen / Welche Werkzeuge / Welche Materalien beim Segeltuch / Welche Flicktechniken / Welche Fette etc. ==>> alle diese Fragen interessieren uns sehr // Leider gibts dafür aus meiner Sicht kaum überschaubare Hilfen in Büchern / PC-Datenbanken

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    • Danke für Deinen Input mit den weiteren Themen! Das sind natürlich gleich ganz viele breite Themengebiete. Wenn Du bereits konkrete Fragen hast, können wir versuchen Dir erst mal spezifisch zu antworten? Du kannst uns gerne per Mail direkt kontaktieren.

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  2. Tolle Zusamnenfassung! Genau so erleben wir es auch. Ein Seglerleben ist wunderschön, und damit es nicht zu schön ist, gibt’s halt einige Hindernisse 😏
    Werde mir erlauben, den einen oder anderen Punkt auch auf unserer HP aufzunehmen 👍

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    • Hallo Köbi, alles klar! Danke für Deinen Feedback! Wünschen Euch eine gute Zeit in Bonaire und Dir eine gute Genesung für Deinen Rücken! Wir träumen derzeit nur davon wieder zurück aufs Schiff zu dürfen… Alles Gute!

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  3. Ich glaub der eine mit dem Schienbein war ich. Hat ganz schön lang gedauert bis das verheilt war. Also dran halten, der Tip mit säubern, trocken halten und antibiotischer Salbe ist wirklich wichtig. Man kann sich einiges ersparen.

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